Wenn Worte Welten schaffen

Jede Woche wird in der Evangelischen Zeitung "die Meinung gesagt" - Zeitgeschehen kommentiert: im "Stichwort" von der Redaktion und in "Meine Meinung" von leitenden Geistlichen in Niedersachsen.

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Betreuungsgeld

Von Stefan Korinth

Das Betreuungsgeld ist Geschichte. Einstimmig hat das Bundesverfassungsgericht die Zahlung für verfassungswidrig erklärt – aus formalen Gründen wohlgemerkt. Der Bund sei zu dem Gesetz gar nicht befugt gewesen, sondern nur die Länder, urteilten die Richter. Um das inhaltliche Für und Wider ging es bei der Entscheidung nicht.

Eine richterliche Ohrfeige mit Ansage sowohl für die juristische Abteilung des Bundesfamilienministeriums als auch für den Bundespräsidenten, der das Gesetz unterschrieben hatte. Am härtesten trifft das Urteil jedoch die CSU. Die bayrische Unionspartei hatte die Zahlung erst vor drei Jahren gegen viele Widerstände durchgesetzt.

Eltern, die ihr Kleinkind nicht in eine Krippe gaben, sondern zu Hause betreuten, erhielten monatlich 150 Euro für bis zu 22 Monate. Eltern müssten Wahlfreiheit haben, argumentierten Befürworter. Die Gegner verspotteten die Zahlung als „Herdprämie“, die Kinder von Entwicklungschancen fernhalte.

Tatsächlich war die Zahlung sachlich kaum nachvollziehbar. Echte Wahlfreiheit ermöglichte das kleine Zubrot gar nicht. Das Betreuungsgeld war letztlich nur ein Bonbon für die konservative Wählerschaft. Denn sinnvoll war die Prämie nur für diejenigen, die ihre Kinder aus Überzeugung sowieso nicht in eine Krippe geben wollten und sich dies gleichzeitig auch leisten konnten.

Ein echtes Berufsgehalt konnte die Prämie nicht mal annähernd ersetzen. Eltern mit knapper Kasse mussten beide zwingend weiterarbeiten. Und Hartz-IV-Bezieher hatten genau wie beim Elterngeld nichts von der Zahlung. Ihnen wurde das Geld gleich wieder vom Regelsatz abgezogen. Hätte die CSU es ernst mit der Wahlfreiheit gemeint, hätte sie ein wirtschaftlich konkurrenzfähiges Elterngehalt für die Erziehungs- und Hausarbeit mit 14-Stunden-Tag und 7-Tage-Woche durchsetzen müssen. Als Wahlkampfthema wäre so etwas sehr kostspielig. So sind nun bald rund 900 Millionen Euro frei, die sinnvoller in der Familienförderung eingesetzt werden können, etwa als zusätzliche Bundesmittel im Krippenausbau.

Stefan Korinth, Redakteur


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Junge Gemeinde auf Tour

Von Christoph Meyns

In diesen Tagen werde ich eine ungewöhnliche Dienstreise unternehmen: Ich werde 800 Konfirmanden in Südtirol besuchen. Im Rahmen des Konfirmandenferienseminars (KFS) verbringen die Jugendlichen dort drei Wochen ihrer Sommerferien. Die An- und Abreise erfolgt gemeinsam mit einem Sonderzug; schon das ist ein besonderes Erlebnis! Vor Ort verteilen sich die Konfirmanden dann auf verschiedene Quartiere, wo sie eine Gemeinde auf Zeit bilden. Hier arbeiten sie inhaltlich an der Jahreslosung: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“.

Viele kreative Ideen werden dafür genutzt. Aber natürlich gibt es auch Freizeitangebote mit Spiel und Spaß. Vor allem aber gehören die gemeinsamen Wanderungen auf die Berge Südtirols zum Konzept. Die Schönheit der Schöpfung Gottes wird auf diesen Touren erlebbar. Und plötzlich ist auch gar nicht mehr so wichtig, wer zu Hause auf welche Schule geht. Denn auf einmal zählt nur noch: zusammenbleiben und zusammenhalten! Niemand darf auf einer Wanderung verloren gehen. Da gewinnt die Jahreslosung eine sehr praktische und erfahrbare Gestalt!

Das KFS findet bereits seit 45 Jahren jedes Jahr statt. Etwa 30 Gemeinden unserer Landeskirche in Braunschweig beteiligen sich an diesem Stück Jugendarbeit. Viele ehrenamtliche Teamer sind in die Durchführung eingebunden und wachsen so in Verantwortung hinein. Manche Pfarrerin und mancher Kirchenvorsteher ist durch diese Erfahrung in der Jugend motiviert worden, sich als Erwachsener in der Kirche zu engagieren.Ich finde die Idee zu einer solchen Form von Konfirmandenunterricht immer noch überzeugend und finde es großartig, was hier geleistet wird.

Ich werde dabei sein, wenn alle 800 Jugendlichen den großen Talgottesdienst in St. Johann gemeinsam feiern. Von so einer jungen Gemeinde können wir hier zu Hause meist nur träumen. Umso mehr liegt mir daran, dass die Konfirmanden auch nach ihrer Rückkehr spüren: Es macht Freude, als Christ zu leben. Es ist schön, mit anderen zusammen Gemeinde zu sein. Denn wer das als junger Mensch erlebt hat, wird es ein Leben lang nicht vergessen.

Ich freue mich auf diese Reise!

Christoph Meyns, Landesbischof in Braunschweig

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Brexit

Von Michael Eberstein

Der Druck war am Ende dann doch wohl zu groß: Die Landeskirche Hannover wird sich nicht mit einem persönlichen Brief an alle ihre knapp 2,7 Millionen Mitglieder wenden. Vor zwei Monaten noch hatte die Synode für das Vorhaben grünes Licht gegeben. Absender sollte und wollte Landesbischof Ralf Meister persönlich sein. Er kann auf gute Erfahrungen mit einem ähnlichen Schreiben in der Berliner Kirche zurückgreifen, wo er vor seinem Amtsantritt Generalsuperintendent war. Auch andere Landeskirchen, etwa in Hessen, haben sich schon mit ähnlichen Briefen an ihre Mitglieder gewandt. Doch in der hannoverschen Landeskirche muss es wohl (zu) heftig rumort haben.

Vor wenigen Wochen war zu vernehmen, dass es einzelne Proteste aus den Gemeinden und Kirchenkreisen gegeben habe. Vor allem die geplanten Kosten für die einmalige Aktion – zwar nur 70 Cent pro Brief, in der Summe dann aber doch rund 1,5 Millionen Euro – stießen an der Basis auf Unverständnis und Widerstand. „Wir müssen hier jeden Cent zweimal umdrehen, an Heizung und Personal sparen, geliebte Räume abgeben und längere Wege in Kauf nehmen, und dann so etwas“ war der allgemeine Tenor. Offenbar blieb es nicht beim enttäuschten Kopfschütteln einfacher Gemeindeglieder, es muss wohl auch geharnischten Protest, gar üble Drohungen gegeben haben, sogar aus Kreisen kirchlicher Mitarbeiter. In dieser Woche sollte der Bischofs-Brief sogar Thema eines Generalkonvents werden, der Pastorenversammlung in einem Sprengel. Und schon im Vorfeld wurde deutlich, dass es dort eine klare mehrheitliche Absage geben würde.

Nun also zog Bischof Meister die Reißleine. Ein „Brexit“ also, ein Ausstieg aus dem Briefvorhaben. Eine Volksbefragung wie in Griechenland war dafür nicht nötig. Die Rückmeldungen waren auch so massiv genug – sicher auch, weil sich die Gemeinden und ihre Vorstände wie Pastoren nicht in ihre ureigensten Angelegenheiten hineinreden lassen wollten. Nach gut protestantischem Denken brauchen sie keinen Vordenker, keinen Papst. Und also auch keinen „Hirtenbrief“.

Von Michael Eberstein, Chefredakteur

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Derselbe Gott

Von Arend de Vries

Durch Zuwanderung, Asylersuchen, Aufnahme von Flüchtlingen wird Deutschland ein Land, in dem neben dem Christentum andere Religionen zunehmend eine wichtige Rolle spielen. Die religiöse „Landschaft“ wird vielgestaltiger. Die Zahl der Christen, die einer Kirche angehören, nimmt weiterhin ab, besonders die Zahl der Muslime nimmt zu. Dem interreligiösen Gespräch kommt eine zunehmende Bedeutung zu. Denn gerade die Religionen können eine vorbildliche Rolle spielen für das Zusammenleben von Menschen, die aus unterschiedlichen Kulturen stammen.

Zunehmend liest und hört man die Einschätzung, dass es letztlich doch derselbe Gott sei, an den wir glauben, gleich welcher Religion wir angehören. Das gelte besonders für die sogenannten abrahamitischen Religionen, also Juden, Muslime und Christen. Und in der Tat haben sie manches gemeinsam: den Glauben an einen Schöpfergott, den Stammvater Abraham, das Gebot der Gottes- und der Menschenliebe.

Wenn wir Christen mit anderen Menschen über unseren Glauben sprechen, dann können wir aber nicht darauf verzichten, von Jesus Christus zu reden, in dem und durch den Gott sich uns gezeigt hat. Er ist für uns das lebendige Wort Gottes. Allein durch ihn wissen wir, wer Gott für uns ist.

Von Christus zu reden und gleichzeitig zu behaupten, Christen und Juden und Muslime glaubten an denselben Gott, ist dann aber ein übergriffiges Verhalten gegenüber den anderen Religionen. Denn an Gott als den Vater Jesu Christi glauben sie nicht. Für diesen Gott dürfen wir sie nicht vereinnahmen. Das nimmt dem ehrlichen Dialog seine Grundlage.

Eine solche Aussage setzt zudem voraus, dass wir uns anmaßen könnten, über Gott Aussagen zu machen, die über das hinausgehen, wie er sich uns – in Jesus – offenbart hat.

Wenn ich gefragt werde, ob wir alle an denselben Gott glauben, kann ich nur antworten: „Es kann sein – aber wir wissen es nicht.“ Alles, was darüber hinausgeht, ist Spekulation. Und Spekulation ist kein Kennzeichen des christlichen Glaubens.

Arend de Vries, Geistlicher Vizepräsident im Landeskirchenamt Hannover

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Ehe

Von Sabine Dörfel

„Dieses Urteil ist ein Sieg für Amerika“, kommentierte der US-Präsident Barack Obama die jetzt erfolgte höchstrichterliche Entscheidung für die Homosexuellen-Ehe. Markige Worte, die die Bedeutung dieses Richterspruchs unterstreichen. In den Vereinigten Staaten hat nun die Ehe eines gleichgeschlechtlichen Paares Verfassungsrang. Zumindest in diesem Punkt ist die Diskriminierung von Homosexuellen in den USA jetzt Geschichte. Dass auch in Deutschland Bewegung in die festgefahrene Debatte um die völlige rechtliche Gleichstellung der seit 2001 geltenden eingetragenen Lebenspartnerschaften kommt, zeigt die jetzt gestartete Initiative des Bundesrats. Die rot-rot-grün geführte Länderkammer fordert in ihrer Resolution „Ehe für alle“ ein Ende der weiterhin bestehenden rechtlichen Benachteiligung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Das Bürgerliche Gesetzbuch müsse dahingehend geändert werden, dass auch Lesben und Schwule heiraten und das volle gemeinschaftliche Adoptionsrecht in Anspruch nehmen könnten. Der Bundesrat hatte bereits 2013 einen Gesetzentwurf zur Gleichstellung der Homosexuellen-Ehe beschlossen, der aber wegen der damaligen Bundestagswahl hinfällig wurde. Mit seiner erneuten Initiative setzt der Bundesrat die Politik nun unter Druck, endlich zu handeln, statt zu diskutieren und zu lavieren. „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, sagt die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). „Warum soll die Ehe nicht auch für Lesben und Schwule gelten?“, sekundiert die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt und bemerkt, dass es bei der Gleichstellungs-Debatte um eine Selbstverständlichkeit gehe. Selbstverständlich ist die Homosexuellen-Ehe noch nicht, doch halte ich dies nur für eine Frage der Zeit. Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Deutschen für eine Gleichstellung von Homo- und Hetero-Ehen ist. So wie vor 20 Jahren kaum vorauszusehen war, dass sich gleichgeschlechtliche Paare auf dem Standesamt ihr Jawort für eine der Ehe sehr ähnliche Lebenspartnerschaft geben können, wird es in wenigen Jahren eine unterschiedslose Ehe für Homo- und Heterosexuelle geben. Und das ist gut so.

Redakteurin Sabine Dörfel

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Hassspirale durchbrechen

Von Dieter Rathing

Kaum hörbar antwortet er auf die Fragen nach seinem Alter und dem Wohnort. Fast regungslos hört er zu, was ihm zur Last gelegt wird: neunfacher Mord. Durch die beiden hinter ihm stehenden durchtrainierten Männer wirkt er noch schmächtiger, als er sowieso schon ist.

Dieser unscheinbare junge Mann hat am Abend des vergangenen 17. Juni neun Menschen umgebracht. Er besuchte eine Kirche in Charleston und nahm dort an einem Bibel-gesprächskreis teil. Fast eine Stunde lang saß er mit den übrigen zwölf Teilnehmenden in einem Raum und machte aktiv mit. Bis er eine Handfeuerwaffe aus seiner Gürteltasche zog und die schwarzen Anwesenden erschoss. Während des Massakers erklärte der weiße Täter seine hasserfüllten rassistischen Motive.

Sehr bewusst hatte der 21-Jährige sich für seine Tat die Emanuel-Kirche ausgesucht. Sie ist eine der ältesten schwarzen Kirchengemeinden in den Südstaaten. Ihre Mitglieder haben sich an der afro-amerikanischen Bürgerbewegung im vergangenen Jahrhundert beteiligt. Auch zu den aktuellen Fällen von Polizeigewalt gegen schwarze Männer meldeten sie sich zu Wort.

Während der Verdächtige per Video dem Gericht vorgeführt wird, schaut nicht nur der Richter zu. Auch die Angehörigen der getöteten Kirchgänger sind im Raum anwesend. Sie sehen den Mann, der vor zwei Tagen ihr bisheriges Leben beendet hat. Emotional richten sie das Wort an ihn. Eine Frau sagt: „Ich werde nie mehr zu meiner Mutter sprechen können, ich werde sie nie mehr umarmen können – aber ich vergebe dir.“ Es sind drei Worte, die mir in dieser Situation kalt über den Rücken laufen. Du hast meine Mutter umgebracht – aber ich vergebe dir. Nichts ist mehr, wie es war in meinem Leben – aber ich vergebe dir.

Mit seiner Bluttat wollte Dylann R. einen Rassenkrieg entfesseln. Aber die Angehörigen lassen gerade das nicht zu. Sie durchbrechen die beabsichtigte Hassspirale. Mit drei Worten. Ich vergebe dir. Mit ihnen macht die Emanuel-Kirche ihrem Namen alle Ehre. Immanuel: Gott sei mit uns.

Dieter Rathing, Landessuperintendent im Sprengel Lüneburg

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Umweltenzyklika

Von Kerstin Kempermann

Die Umweltenzyklika des Papstes weckt große Hoffnungen, dass der Dialog über die zukünftige Gestaltung des Planeten endlich wieder in Gang kommt und es bei den nächsten Klimaverhandlungen in Paris im Dezember zu konkreten Ergebnissen kommen wird. Zu oft sind bisher auf die Willensbekundungen keine nennenswerten Taten gefolgt. Umso wichtiger ist es, dass die Kirchen mit gutem Beispiel vorangehen. Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat sich bereits 2008 eigene Klimaschutzziele gesetzt. Auch die hannoversche und braunschweigische Landeskirche und die oldenburgische Kirche haben eigene Klimaschutzkonzepte und setzen sich deutlich für die Bewahrung der Schöpfung ein.

Nur wenn Glaube und Vernunft bei dieser Herausforderung Hand iHand gehen, kann die Krise vielleicht überwunden werden. Deshalb erntet Franziskus für die Enzyklika von Umweltverbänden und auch aus der evangelischen Kirche zu Recht viel Lob. Der Papst sendet eine klare Botschaft an alle Klimaskeptiker und bestätigt vor der ganzen Welt, dass der Klimawandel menschengemacht ist und dass es Zeit ist, zu handeln. Handeln muss dabei nicht nur die Politik, die nicht länger die Interessen der Wirtschaft ohne Blick für die Folgen über ein Weltgemeinwohl stellen darf. Handeln muss auch jeder Einzelne. Konsum und Verschwendung haben die Kapazitäten des Planeten überschritten und dabei wird ganz deutlich, nicht die Armen, sondern die Reichen verursachen die größten Risiken für die Erde und damit für die Menschheit. Für den Wandel braucht es deshalb eine weltweite Solidarität. Doch wie lang der Weg zu einem neuen Verhältnis zur Natur noch ist, zeigt sich etwa in der Tatsache, dass auch in Deutschland noch immer um den Erhalt der Braunkohlereviere gekämpft wird. Und auch die Forderung der bayrischen Landesregierung, die Stromtrassen für den umweltfreundlichen Strom nicht über ihr Gebiet laufen zu lassen, stellt Partikularinteressen über das Gemeinwohl. Mit einem solchen Verständnis von Solidarität ist die Krise nicht aufzuhalten.

Von Redakteurin Kerstin Kempermann

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Seenotrettungim Mittelmeer

von Armin Wenzel

Seit einigen Wochen ist die Deutsche Marine mit einer Fregatte und einem Versorgungsschiff an der Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer beteiligt. Dafür wurde, der Not gehorchend, kurzerhand ein Einsatzausbildungsverband der Marine in eine Rettungseinheit umgegliedert.

Mit Stand des vergangenen Sonntags wurden mehr als 5000 Flüchtlinge allein durch die deutschen Marineschiffe gerettet. Sie handeln entsprechend den internationalen Vorschriften, die jeden Kommandanten auf See verpflichten, Schiffbrüchigen zu Hilfe zu kommen. Oftmals sorgen die Flüchtlinge bei Annäherung an die Marineschiffe selbst dafür, dass die dürftigen Boote, in denen sie von den Schleppern auf das Meer geschickt wurden, untergehen, in Sorge, nicht mitgenommen zu werden.

Um es deutlich zu sagen: Die deutschen Soldaten sind für diese Aufgabe gut vorbereitet und ausgerüstet sowie hoch motiviert. Dennoch sind die Belastungen groß: Es gilt, in kurzer Zeit Menschen aus dem Wasser zu ziehen, die zu ertrinken drohen und sie anschließend an Bord zu versorgen. Das geschieht in einer enormen Enge der für solche Zwecke nicht geplanten Marineschiffe. Psychische Belastungsstörungen der Einsatzkräfte können dabei nicht ausgeschlossen werden, zumal sich unter den Flüchtlingen auch Kinder, alte und kranke Menschen befinden, die oftmals am Rande der Erschöpfung sind.

Die Anerkennung dieses Dienstes der Marine in der deutschen Bevölkerung ist erfreulich. Das spürten die Besatzungen der beiden Einheiten, als sie vor wenigen Tagen nach mehrwöchigem Einsatz nach Wilhelmshaven zurückkehrten. Zwei nachfolgende Schiffe sind bereits wieder im Einsatz im Mittelmeer.

Armin Wenzel, Militärdekan in Kiel

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Griechenland

Von Sabine Dörfel

Wieder einmal überschlagen sich die Nachrichten im Konflikt zwischen Griechenland und der Europäischen Union. Kurz vor dem Auslaufen des derzeitigen Hilfsprogramms für die Griechen am 30. Juni ist keine Einigung über die Bedingungen der nächsten Finanzunterstützung in Höhe von 7,2 Milliarden Euro in Sicht. Das Geld aber braucht die griechische Regierung nicht nur, um ihren finanziellen Verpflichtungen im eigenen Land nachzukommen, sondern auch, um den jetzt fälligen Kredit von 1,6 Milliarden an den Internationalen Währungsfonds zurückzuzahlen. Für die inzwischen dritte Verlängerung des Hilfsprogramms fordern die Europäer politische Reformen und weitere staatliche Ausgabenkürzungen, umgekehrt bestehen die Griechen auf einem Schuldenschnitt, um ihr Land wirtschaftlich wieder auf die Beine bringen zu können. Drohgebärden, „Grexit“-Horrorszenarien, gegenseitige Schuldzuweisungen, Konferenzabbrüche – für das medial wirksam inszenierte Kräftemessen zwischen den Verhandlungspartnern werden alle zur Verfügung stehenden Mittel genutzt. Eine Lösung auf der Basis der Vernunft kann meiner Meinung nach nur in einer Kombination von Schuldenentlastung und gezielter wirtschaftlicher Aufbauhilfe bestehen. Ob die Entlastung ein kompletter Schuldenschnitt sein muss oder über eine Verlängerung der Kreditrückzahlungs-Laufzeiten oder andere Finanzkonstrukte erfolgt, ist Verhandlungssache. Wichtig ist nur, dass alle Seiten gemeinsam anerkennen: Eine ständige Fortschreibung von Hilfsprogrammen, gekoppelt an Forderungen, die von einem fast insolventen und politisch-wirtschaftlich instabilen Land nicht erfüllt werden können, macht keinen Sinn. Diese Einsicht muss sich aber nicht nur bei den verhandelnden Spitzenpolitikern durchsetzen, sie muss auch den Bevölkerungen der EU-Mitgliedsstaaten vermittelt werden, denn diese tragen über ihre Parlamente die Griechenlandhilfen mit. Angesichts der Tatsache, dass sich die Hellenen größtenteils selber in die missliche Lage gebracht haben, in der sie jetzt stecken, empfinden viele Bürger das als eine Zumutung. Ohne Zweifel und ohne die Aussicht auf eine bessere Alternative ist es genau das.

Redakteurin Sabine Dörfel

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Klugwerden

von Detlef Mucks-Büker

„damit wir klug werden“ – unter diesem Motto trafen sich vom 3. bis 7. Juni rund 100 000 Christen zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart. Neben Fragen des klugen Wirtschaftens und einer klugen Politik stand auch die Frage nach dem „klug sSerben“ auf dem Programm. Das liegt nahe, denn wer den 90. Psalm liest, stellt fest, dass vor der Sache mit dem Klugwerden die Sache mit dem Sterben steht: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, wie Luther übersetzt.

Klugheit wird auch gefragt sein in den nächsten Wochen, wenn die Debatte um eine gesetzliche Regelung zur Sterbehilfe durch den Deutschen Bundestag in die finale Runde geht. Im Herbst 2015 soll endgültig entschieden werden. Die Diskussionslage ist schwierig, weil sie mal mehr, mal weniger unter juristischen, moralischen, theologischen, aber auch sozialen Kriterien erfolgt. Begriffe wie assistierter Suizid, ärztlich kontrollierte Tötung auf Verlangen, aktive oder passive Sterbehilfe zeigen die Vielschichtigkeit des Themas an. Einen Königsweg scheint es nicht zu geben.

Im Zentrum steht meines Erachtens vor allem aber der Gedanke einer möglichen Selbstbestimmung des Menschen über das eigene Schicksal bis zur letzten Sekunde. Auf gewisse Weise verständlich, aber entspricht das auch unserer Realität? Wer hat mich vor meiner Geburt gefragt, ob ich zur Welt kommen möchte? Schon morgen kann ich einen tödlichen Unfall erleiden. Auch danach werde ich nicht gefragt. Weder kenne ich Zeitpunkt noch Umstände meines sicheren Todes. Und das ist gut so. Lieber danke ich Gott täglich für jede Stunde meines Lebens. Und bitte zugleich darum, dass mir ein gnädiger Tod geschenkt werde. Denn viel wichtiger als die Frage nach meinem zukünftigen Tod ist mir die Frage nach meinem gegenwärtigen Leben. In dem ich Gott vertrauen möchte, der mir Orientierung gibt und Kraft, sowohl im Leben als auch im Sterben. Das hätte für mich etwas mit jenem Klugwerden zu tun, von dem beim Kirchentag die Rede war.

Detlef Mucks-Büker, Oberkirchenrat in der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg


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